Ein WIFO-Konzeptpapier aus 2026 will dafür sorgen, dass hohe Strompreise durch Gas und CO2 künftig nicht mehr automatisch allen sauberen Kraftwerken Extra-Gewinne bringen, sondern stärker bei Haushalten und Unternehmen als Entlastung ankommen.
Stellen wir uns den Strommarkt einmal nicht als kompliziertes Geflecht aus Börsen, Kraftwerken und Regelzonen vor, sondern als einen riesigen Marktplatz. Auf diesem Marktplatz bieten viele Stromerzeuger ihre Ware an: Wasserkraft, Windräder, Solaranlagen, Gaskraftwerke. Man könnte meinen, dass jeder für seinen Strom ungefähr das bekommt, was seine Produktion kostet. Aber so funktioniert der Markt nicht.
Stattdessen bestimmt oft genau jenes Kraftwerk den Preis für alle, das als letztes noch gebraucht wird, um den Bedarf zu decken. Und das ist häufig ein Gaskraftwerk. Wird Gas teuer oder steigen die CO2-Kosten, steigt damit nicht nur der Preis für Gasstrom, sondern oft gleich der Preis für den gesamten Strommarkt. Und jetzt kommt´s: Auch für Strom aus Wasser, Wind und Sonne. Und das ist in der Diskussion um Merit-Ordner stets untergangen. Aber genau das ist der Punkt, an dem viele Menschen zu Recht fragen: Warum eigentlich?
Wenn das teuerste Kraftwerk den Preis für alle macht
Das derzeitige System folgt dem bereits genannten Merit-Order-Prinzip. Es klingt sperrig, beschreibt aber etwas sehr Einfaches: Der Strompreis richtet sich nicht nach dem billigsten oder durchschnittlichen Kraftwerk, sondern nach dem teuersten Kraftwerk, das in einer bestimmten Stunde noch gebraucht wird.
Wenn also ein Gaskraftwerk nötig ist, um die Stromnachfrage zu decken, setzt dieses Gaskraftwerk den Preis. Weil Gaskraftwerke nicht nur Brennstoffkosten haben, sondern auch für ihren CO2-Ausstoß bezahlen müssen, ist dieser Preis oft hoch.
Das Problem: Auch Betreiber von Wasserkraftwerken, Windparks oder Solaranlagen bekommen dann diesen hohen Preis – obwohl sie selbst keine solchen CO2-Kosten tragen. Für die Verbraucher wirkt das wie ein doppelter Effekt: Fossiler Strom wird teurer, und sauberer Strom wird gleich mit nach oben gezogen.
Der neue Vorschlag: Sauberer Strom soll nicht mehr automatisch jeden fossilen Preisschub mitnehmen
Ein WIFO-Paper aus 2026 von Simon Finster, Bernhard Kasberger und Simon Rütten schlägt deshalb einen Mechanismus vor, der genau hier ansetzt. Der Strommarkt soll nicht abgeschafft und auch nicht völlig neu erfunden werden. Vielmehr geht es darum, eine automatische Kopplung zu lockern, die in Hochpreisphasen für viele als unfair empfunden wird.
Die Idee ist erstaunlich nachvollziehbar: Ab einem bestimmten Strompreis – zum Beispiel 100 Euro pro Megawattstunde – wird bei sauberen Kraftwerken ein fixer Betrag von der Vergütung abgezogen. Dieser Betrag entspricht ungefähr jenen CO2-Kosten, die im hohen Strompreis stecken.
Fossile Kraftwerke wie Gas- oder Kohlekraftwerke erhalten weiterhin den vollen Marktpreis, damit sie ihre Kosten decken und weiter Strom liefern können. Saubere Kraftwerke wie Wasser-, Wind-, Solar- oder Kernkraft erhalten hingegen den Marktpreis minus diesen Abschlag.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Das Geld geht nicht verloren. Es soll an die Stromkunden zurückfließen – etwa über niedrigere Netzkosten oder geringere Stromsteuern.
Ein Beispiel, das man sofort versteht
Nehmen wir an, der Strompreis liegt bei 150 Euro pro Megawattstunde, weil ein teures Gaskraftwerk den Preis setzt. Ab 100 Euro wird der Mechanismus aktiv. Der Abschlag beträgt in diesem Beispiel 28 Euro.
Dann passiert Folgendes:
- Das Gaskraftwerk bekommt weiterhin 150 Euro.
- Das Windrad bekommt 122 Euro.
- Die Differenz von 28 Euro pro Megawattstunde wird eingesammelt und an die Verbraucher zurückgegeben.
Mit anderen Worten: Der teure fossile Preis bleibt als Warnsignal sichtbar. Aber jener Teil des Geldes, der bei sauberen Erzeugern als Zusatzgewinn landen würde, wird zumindest teilweise an jene zurückverteilt, die die Stromrechnung bezahlen.
Warum das für Österreich besonders spannend ist
Laut den gelieferten Berechnungen könnte dieser Mechanismus die Stromausgaben in Österreich um rund 8,5 Prozent senken. In Deutschland läge die Ersparnis bei rund 4,7 Prozent.
Das klingt zunächst überraschend. Schließlich wird in beiden Ländern viel über Energiewende, erneuerbare Energien und Strompreise diskutiert. Doch der Unterschied hat gute Gründe.
Österreich hat in teuren Stunden mehr sauberen Strom zur Verfügung
Der Mechanismus funktioniert vor allem dann gut, wenn in jenen Stunden, in denen Strom teuer ist, viel sauberer Strom vorhanden ist. In Österreich ist das laut den gelieferten Informationen besonders häufig der Fall – vor allem wegen der Wasserkraft.
Gerade in Spitzenzeiten ist Österreich deutlich stärker erneuerbar
In den Abendstunden von 16:00 bis 19:00 Uhr, also in einer besonders wichtigen Zeit mit hoher Nachfrage, liegt der Anteil erneuerbarer Energien in Österreich um 18,3 Prozentpunkte höher als in Deutschland. In den frühen Morgenstunden von 4:00 bis 7:00 Uhr beträgt der Vorsprung noch immer 16,1 Prozentpunkte.
Das bedeutet: Wenn Strom teuer wird, ist in Österreich häufiger saubere Erzeugung am Markt, bei der dieser Abschlag überhaupt ansetzen kann.
Deutschland ist viel größer – dadurch verteilt sich die Entlastung breiter
Deutschland verbraucht insgesamt viel mehr Strom als Österreich. Wird die eingesammelte Summe auf eine viel größere Strommenge verteilt, fällt die Entlastung pro verbrauchter Megawattstunde automatisch geringer aus. Der Effekt ist also nicht weg, aber er wird verdünnt.
Auch die Technologien unterscheiden sich
In Österreich stammt laut den gelieferten Angaben 61 Prozent der Entlastungsmasse aus der Laufwasserkraft. In Deutschland ist Windstrom an Land mit 43 Prozent die wichtigste Quelle für die Rückverteilung.
Für Haushalte heißt das übersetzt: Österreich profitiert laut diesem Modell stärker, weil in entscheidenden, teuren Stunden besonders viel sauberer Strom vorhanden ist, der zur Entlastung beitragen kann.
Damit niemand an der Preisgrenze zu tricksen beginnt
Sobald Regeln an einen festen Schwellenwert gekoppelt werden, entsteht immer die Gefahr, dass Marktteilnehmer versuchen, genau rund um diesen Punkt ihr Verhalten zu optimieren. Damit das nicht passiert, sieht der Vorschlag keine harte Kante vor, sondern einen sanften Übergang.
Der Abschlag soll schrittweise, also über eine lineare Rampe, eingeführt werden. Das klingt technisch, ist aber sehr vernünftig: Statt eines abrupten Sprungs gibt es einen gleitenden Übergang. Das verringert die Gefahr von Fehlanreizen und macht das Modell robuster.
Und was passiert in einer echten Energiekrise?
Besonders interessant ist die sogenannte Krisen-Variante des Modells. Sie wäre für extreme Situationen gedacht – etwa für jene massiven Gaspreisschocks, die Europa 2022 erlebt hat.
In einer solchen Lage würden nicht nur die CO2-Kosten berücksichtigt, sondern die gesamten zusätzlichen fossilen Grenzkosten, also die Differenz zwischen den aktuellen extrem hohen Kosten eines Gaskraftwerks und einem normalen Referenzwert vor der Krise.
Der Abschlag wäre dann entsprechend höher. Die Grundidee bleibt aber dieselbe: Fossile Kraftwerke liefern weiter und erhalten den Marktpreis. Saubere Kraftwerke bekommen den Preis abzüglich des überschüssigen Krisenanteils. Das freiwerdende Geld wird an die Verbraucher zurückgegeben.
Die Wirkung wäre laut den gelieferten Simulationen erheblich:
- In Österreich hätten die Stromausgaben im Krisenjahr 2022 um rund 30,2 Prozent sinken können.
- In Deutschland um rund 24,5 Prozent.
Das ist enorm. Und genau deshalb beschreiben die gelieferten Informationen diesen Mechanismus wie einen automatischen Stoßdämpfer: Er springt nicht immer an, aber dann, wenn es richtig teuer wird, soll er Haushalte und Unternehmen abfedern.
Der Unterschied zu einer klassischen Gaspreis-Subvention
Wichtig ist auch, was der Vorschlag nicht macht. Er senkt nicht künstlich den Gaspreis für Kraftwerke. Das ist ein entscheidender Unterschied zu anderen Modellen, bei denen teures Gas direkt oder indirekt subventioniert wurde.
Hier bleibt der Preis hoch. Das heißt: Der Anreiz, Gas zu sparen, bleibt erhalten. Niemand bekommt das Signal, fossile Energie sei plötzlich billig. Stattdessen werden die Extra-Gewinne, die saubere Erzeuger in solchen Krisen automatisch mitnehmen würden, teilweise umverteilt.
Das ist ein wichtiger Punkt, weil damit zwei Ziele gleichzeitig verfolgt werden:
- Die Stromkunden werden entlastet.
- Der Energiespar-Anreiz bleibt bestehen.
Warum diese Debatte für Haushalte so wichtig ist

Wer zuhause lädt, macht Elektromobilität im Alltag planbarer und unabhängiger von klassischen fossilen Preissprüngen. (Foto: © www.SmartGyver.at / KI-generiertes Bild)
Für viele Menschen ist die Stromrechnung längst mehr als eine Nebenkostenfrage. Sie ist Teil einer größeren Verunsicherung: Warum ist Energie so teuer, obwohl doch immer mehr Strom aus erneuerbaren Quellen kommt? Warum sinken die Preise nicht stärker, wenn Wind, Wasser und Sonne doch keine CO2-Kosten verursachen?
Genau hier setzt der Vorschlag an. Er sagt nicht, dass der Markt falsch ist. Er sagt auch nicht, dass saubere Kraftwerke keine guten Erlöse mehr erzielen sollen. Er will nur verhindern, dass hohe fossile Kosten automatisch überall mitkassiert werden, selbst dort, wo gar kein CO2 ausgestoßen wird.
Für Haushalte hätte das noch einen zweiten, oft unterschätzten Effekt: Auch die Elektromobilität würde in ihrer wirtschaftlichen Logik verständlicher und attraktiver. Denn solange hohe fossile Kosten den Strompreis stark mitziehen, bleibt für viele Konsumentinnen und Konsumenten der Eindruck bestehen, dass auch das elektrische Fahren letztlich am Tropf von Gas- und Energiekrisen hängt. Genau hier könnte ein solcher Mechanismus gegensteuern. Denn wenn fossile Preisschocks weniger stark auf den Strompreis durchschlagen, wird sichtbarer, was der Umstieg auf das E-Auto langfristig tatsächlich bringt: mehr Unabhängigkeit von Öl und deutlich weniger Abhängigkeit von fossilen Preiskapriolen insgesamt.
Für Haushalte wäre das eine spürbare Veränderung. Nicht unbedingt, weil Strom plötzlich billig würde. Aber weil die Vorteile erneuerbarer Erzeugung direkter bei jenen ankommen könnten, die Monat für Monat ihre Rechnung bezahlen.
Fazit
Der Vorschlag aus dem WIFO-Paper von Simon Finster, Bernhard Kasberger und Simon Rütten ist deshalb so interessant, weil er weder nach radikalem Systemwechsel noch nach politischem Schönreden klingt. Er versucht, ein ganz konkretes Problem zu lösen: Dass hohe CO2- und Gaskosten derzeit auch dort zu hohen Erlösen führen, wo sauberer Strom erzeugt wird.
Die Idee dahinter ist leicht verständlich und zugleich weitreichend. Fossile Kraftwerke sollen weiter ihre Kosten decken können. Saubere Kraftwerke sollen in teuren Stunden einen Teil des fossilen Preisaufschlags nicht mehr automatisch mitnehmen. Und die freiwerdenden Mittel sollen an die Verbraucher zurückgegeben werden.
Gerade für die Elektromobilität wäre das langfristig ebenfalls ein starkes Signal. Denn je weniger fossile Preisschocks ungebremst auf den Strompreis durchschlagen, desto klarer wird auch der strukturelle Vorteil elektrischer Antriebe gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Während Benzin- und Dieselautos direkt am Ölpreis hängen, könnte elektrisches Fahren in einem solchen System noch stärker von heimischer, sauberer Erzeugung profitieren. Genau das würde den Umstieg nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich nachvollziehbarer machen.
Gerade für Österreich könnte dieser Mechanismus laut den gelieferten Zahlen besonders wirksam sein. Weil hier in den teuren Stunden viel saubere Erzeugung – vor allem Wasserkraft – verfügbar ist. Das macht den Vorschlag nicht nur zu einer spannenden Fachdebatte, sondern zu einer Frage, die am Ende sehr direkt den Alltag vieler Menschen berühren könnte.
