Rohstoffe: Die stille Sollbruchstelle der Energiewende

Rohstoffe: Ein Bergwerksknappe in staubiger Arbeitskleidung steht mit eingeschalteter Helmlampe in einer offenen Tagebaugrube.
Ein Bergwerksknappe im offenen Tagebau: Die Gewinnung kritischer Rohstoffe ist körperlich fordernd und landschaftlich massiv prägend.
Der Inhalt im Überblick:
  • Europas Energiewende basiert auf Rohstoffen, bei denen die EU laut Rechnungshof in vielen Fällen nahezu vollständig von Importen einzelner Länder abhängt.


  • Die Richtwerte des Critical Raw Materials Act (CRMA) geben zwar eine Richtung vor, sind aber weder sauber begründet noch geeignet, einzelne kritische Materialien gezielt zu steuern.


  • Mehr als 1,8 Milliarden Euro an EU-Mitteln für Rohstoffinitiativen wurden mobilisiert, ohne dass ihre Wirkung auf die Versorgungssicherheit systematisch nachweisbar wäre.


  • Heimische Gewinnung, Verarbeitung und Recycling kommen langsamer voran als politisch erwartet – mit spürbaren Folgen für Industrie, Gebäudeplanung und künftige Energiepreise.


Europa baut Windräder, Batterien und Solardächer – doch der Europäische Rechnungshof zeigt, dass die dafür nötigen Rohstoffe auf erstaunlich wackeligen Füßen stehen. Wer verstehen will, warum die Energiewende nicht nur eine Frage von Technik, sondern von Lieferketten, Politik und Geopolitik ist, muss tiefer unter die glänzende Oberfläche blicken.

 

Die unsichtbare Technik hinter der grünen Zukunft

 

Wer über Energiewende spricht, zeigt gern Bilder von Windparks im Sonnenuntergang oder glänzenden Solardächern. Hübsch – aber unvollständig. Denn hinter jeder Turbine, jedem Speicher und jeder Wärmepumpe steckt eine oft unbequeme Wahrheit: Ohne Lithium, Nickel, Kobalt, Kupfer, Seltenerdmetalle, Magnesium oder Bor gibt es keine grüne Transformation.

 

Am 2. Februar 2026 legte der Europäische Rechnungshof mit seinem Sonderbericht 04/2026 eine bemerkenswert klare Diagnose vor. Keine Empörung, keine Polemik, sondern nüchterne Buchprüfung der europäischen Rohstoffpolitik – vor allem des Critical Raw Materials Act (CRMA). Das Fazit liest sich wie ein sanfter, aber bestimmter Weckruf: Europa hat die richtigen Begriffe gelernt, aber die Hausaufgaben nur halb gemacht.

 

Abhängigkeit mit System – und mit Adresse

 

Der Rechnungshof beginnt trocken: Für 26 kritische Rohstoffe, die für grüne Technologien nötig sind, ist die EU bei zehn vollständig importabhängig. Noch heikler ist die Konzentration auf einzelne Lieferländer. Bei Magnesium stammen 97 Prozent der EU-Importe aus China, bei Bor 99 Prozent aus der Türkei – klare Verletzung des eigenen Ziels, maximal 65 Prozent Abhängigkeit von einem Drittland zu haben.

 

Das ist kein akademisches Detail. Es bedeutet: Wenn ein wichtiger Lieferstaat die Schraube zudreht, bekommt Europas Industrie akutes Atemnotgefühl. Besonders kritisch ist die Verarbeitungsstufe: Kein einziges der in der EU genutzten Seltenerdmetalle wird hier verarbeitet. Selbst wenn Europa Rohstoffe anderswo einkauft, bleibt es in der entscheidenden Wertschöpfungskette abhängig.

 

Die Debatte um Batteriefabriken wie Northvolt macht das greifbar. Gigafabriken brauchen Lithium – Europa hat aber weder nennenswerte Gewinnung noch Verarbeitung. Neue Projekte mögen „in der Pipeline“ sein, doch sie kommen zu spät für 2030. Das ist kein Betriebsunfall, sondern Ergebnis jahrzehntelanger Industriepolitik.

 

Schöne Ziele – aber mit wackeliger Statik

 

Der CRMA formuliert vier Richtwerte für 2030:

 

  • 10 % heimische Gewinnung
  • 40 % Verarbeitung in der EU
  • 25 % Recycling
  • max. 65 % Abhängigkeit von einem einzelnen Drittland

 

Klingt präzise. Der Rechnungshof zeigt jedoch: Diese Zahlen sind politisch gesetzt, nicht sauber hergeleitet. Es gibt keine transparente Begründung, warum genau diese Schwellenwerte gewählt wurden oder wie sie mit den Klimazielen zusammenhängen.

 

Noch problematischer: Die Ziele gelten aggregiert für alle Rohstoffe gemeinsam. Die EU könnte sie theoretisch erfüllen, ohne sich bei besonders kritischen Materialien wie Lithium oder Seltenerdmetallen substantiell zu verbessern. Das ist, als würde man den Zustand eines Krankenhauses am Durchschnitt aller Patient:innen messen – und hoffen, dass die Intensivstation schon irgendwie mitläuft.

 

Beim Recycling zeigt sich das gleiche Muster: Ein 25-Prozent-Gesamtziel kann erreicht werden, selbst wenn zehn von 26 Rohstoffen überhaupt nicht recycelt werden. Der Rechnungshof empfiehlt deshalb materialspezifische, verbindliche Recyclingziele.

 

1,8 Milliarden Euro – aber wohin genau?

 

Zwischen 2014 und 2027 mobilisierte die EU über 1,8 Milliarden Euro für rohstoffbezogene Initiativen – verteilt auf Horizon 2020, Horizon Europe, Innovationsfonds, InvestEU und Kohäsionsmittel. Viel Geld, viele Programme – und genau hier liegt das Problem: Zersplitterung.

 

Mehrere Generaldirektionen vergeben Mittel parallel, ohne gemeinsame Erfolgskriterien. Es gibt keine konsolidierte Übersicht, ob damit tatsächlich Abhängigkeiten sinken oder neue Verarbeitungs- und Recyclingkapazitäten entstehen. Kurz gesagt: Man weiß, dass viel ausgegeben wurde – aber nicht, was es gebracht hat.

 

Zwar verweist die Kommission auf den neuen „Resilience EU Action Plan“, der weitere Milliarden Euro mobilisieren soll. Doch solange frühere Mittel kaum evaluiert wurden, bleibt die Frage: Bauen wir damit echte Versorgungssicherheit – oder nur gute Präsentationen?

 

Partnerschaften: Gute Absicht, mäßige Wirkung

 

Um Abhängigkeiten zu reduzieren, schloss die EU 14 strategische Rohstoffpartnerschaften – unter anderem mit Kanada, Chile, Namibia, Australien, Serbien, der DR Kongo und Grönland. Die Bilanz ist ernüchternd: Zwischen 2020 und 2024 gingen die Einfuhren aus diesen Partnerländern bei rund der Hälfte der untersuchten Rohstoffe sogar zurück.

 

Hinzu kommen Governance-Risiken: Etwa die Hälfte der Partnerländer weist laut Weltbank niedrige Governance-Scores auf. Der Rechnungshof prüfte keine Menschenrechtsfragen im Detail, macht aber klar, dass solche Risiken systematisch mitgedacht werden müssen.

 

Sein Vorschlag ist pragmatisch: Strategische Projekte sollten stärker an verbindliche Abnahmevereinbarungen mit EU-Unternehmen gekoppelt werden. Kooperation ohne Kaufvertrag bleibt schöne Diplomatie – aber keine Versorgungssicherheit.

 

Heimische Produktion: Wunsch trifft Wirklichkeit

 

Der CRMA sieht vor, bis 2030 mindestens 10 Prozent der strategischen Rohstoffe in der EU zu gewinnen und 40 Prozent zu verarbeiten. Der Rechnungshof zeigt, wie weit Anspruch und Realität auseinanderliegen.

 

Exploration ist unterentwickelt, Genehmigungsverfahren sind langwierig. In Schweden kann es bis zu 30 Jahre dauern, bis eine neue Mine eröffnet wird. Selbst bei politischem Rückenwind kämen viele Projekte also zu spät für 2030.

 

Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Verarbeitungsanlagen – vor allem wegen hoher Energiepreise. Ohne Verarbeitung fehlt der Anreiz für neue Minen; ohne Minen fehlt die Basis für neue Verarbeitung. Ein klassischer Teufelskreis.

 

Das Lithium-Projekt Barroso in Portugal zeigt die Ambivalenz: Als „strategisches Projekt“ profitiert es von verkürzten Fristen – aber nur ausgewählte Projekte genießen diesen Vorteil. Für den Rest bleibt der Verwaltungsparcours lang und steinig. Wichtig: Der Rechnungshof fordert schnellere, nicht laxere Verfahren – also bessere Regeln statt niedrigere Standards.

 

Recycling und Substitution – die übersehenen Hebel

 

Zehn von 26 kritischen Rohstoffen werden in der EU gar nicht recycelt, bei sieben weiteren liegt die Quote zwischen 1 und 5 Prozent. Gründe: hohe Kosten, geringe Materialmengen, regulatorische Hürden beim Abfallhandel.

 

Gleichzeitig steht Europa vor einer Recycling-Welle: Zwischen 2040 und 2050 werden Millionen Tonnen alter PV-Module, Batterien und Windanlagen anfallen. Ohne heute aufgebaute Infrastruktur wird daraus kein Kreislauf, sondern ein Entsorgungsproblem.

 

Der Rechnungshof empfiehlt zudem, Substitution stärker in die Netto-Null-Industrie-Verordnung aufzunehmen. Wenn Lithium knapp bleibt, braucht Europa Alternativen – sonst wird die Batterie zur neuen Ölabhängigkeit.

 

Geopolitik: Warum China immer im Raum steht

 

Der Bericht macht deutlich: Europa könnte seine Klimaziele auch mit importierten Fertigprodukten erreichen – etwa Batterien oder Solarzellen. Strategisch wäre das jedoch riskant.

 

Sollte China seine Lieferungen von Batterien oder Solarwafern einschränken, gerieten viele EU-Ziele akut unter Druck. Deshalb geht es beim CRMA nicht nur um Rohstoffe, sondern um industrielle Souveränität.

 

Gleichzeitig warnt der Rechnungshof vor Ein-Länder-Wetten wie Grönland. Vielversprechend, ja – aber politisch sensibel, klimatisch extrem und kurzfristig kein Allheilmittel. Diversifizierung bleibt der einzige realistische Ansatz.

 

Was heißt das für Haushalte und Kommunen?

 

Der Sonderbericht ist kein Katastrophenruf, sondern eine nüchterne Systemanalyse. Europas Energiewende bleibt technisch machbar – ihre materielle Basis ist jedoch politisch und industriell umkämpft.

 

Für Haushalte bedeutet das mittelfristig: volatilere Preise für Batterien, PV-Module oder Wärmepumpen. Für Eigentümer:innen und Bauherr:innen wird die Materialfrage wichtiger, etwa bei Speichern oder Ladeinfrastruktur. Kommunen müssen in ihrer Energie- und Industrieplanung stärker berücksichtigen, wie abhängig lokale Wertschöpfung von globalen Rohstoffketten ist.

 

Die kommenden Jahre entscheiden, ob Europa Rohstoffe weiter als Engpass verwaltet – oder sie zur Säule seiner Industriepolitik macht. Die Energiewende bleibt damit nicht nur eine Frage von Megawatt, sondern von Gramm, Tonnen und Lieferketten.

Quellen (Primärquellen, neutral formuliert)

  • Europäischer Rechnungshof: Sonderbericht 04/2026 „Kritische Rohstoffe für die Energiewende“.
  • Europäischer Rechnungshof: Factsheet „Wichtigste Fakten und Feststellungen“.
  • Europäischer Rechnungshof: Pressemitteilung vom 2. Februar 2026.
  • Transkript der Pressekonferenz des Europäischen Rechnungshofs (02.02.2026)

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Infobox

Was die CRMA-Richtwerte für 2030 bedeuten (Status laut Rechnungshof): • Gewinnung: Ziel 10 % – Ist rund 8 % • Verarbeitung: Ziel 40 % – Ist rund 24 % • Recycling: Ziel 25 % – Ist rund 12 % • Abhängigkeit: Max. 65 % – Bei Magnesium, Bor, Gallium, Lithium und Seltenerdmetallen überschritten (Quelle: Analyse des Europäischen Rechnungshofs)