54,9 kWh Akku, 135 PS – und trotzdem mehr als 1.200 Kilometer mit nur einem Ladestopp: Der VW Mission Efficiency stellt ziemlich grundsätzlich infrage, was wir bei Elektroautos bisher für wichtig gehalten haben.
Normalerweise versuchen wir bei SmartGyver, Firmennamen und Modellbezeichnungen nicht unnötig in den Mittelpunkt zu stellen. Uns interessieren Lösungen – keine Werbung für Hersteller.
Diesmal machen wir eine Ausnahme.
Denn dieses Auto verdient es, beim Namen genannt zu werden: Volkswagen Mission Efficiency.
Warum? Weil es möglicherweise ziemlich genau zeigt, wohin die Reise bei der Elektromobilität gehen sollte.
Vielleicht schauen wir auf die falschen Zahlen
600 PS. 700 PS. 1.000 PS. Akkus jenseits der 100 kWh. In drei Sekunden auf 100. Immer schneller laden, immer stärker beschleunigen, immer mehr von allem.
Und dann stellen ein paar Ingenieurinnen und Ingenieure in Wolfsburg ein Elektroauto hin, das gerade einmal 135 PS hat.
0 auf 100? Neun Sekunden.
Höchstgeschwindigkeit? 160 km/h.
Akku? Gerade einmal 54,9 kWh netto.
Und plötzlich stellt sich eine ziemlich einfache Frage: Braucht ein normales Alltagsauto wirklich 300, 400 oder 500 PS? Oder reichen 135 PS nicht vollkommen, wenn das Ding dafür mit Energie umgeht, als wäre jede Kilowattstunde kostbar?
1.278 Kilometer – aber bitte genau hinschauen
Von Wolfsburg ging es über Poznań und Olmütz bis nach Wien: 1.278,36 Kilometer. Der Mission Efficiency musste auf dieser Strecke genau einmal nachgeladen werden. Bei der Ankunft waren laut Volkswagen noch 164 Kilometer Restreichweite vorhanden.
Der durchschnittliche Verbrauch: 6,89 kWh/100 km ohne Ladeverluste, beziehungsweise 7,51 kWh inklusive der Ladeverluste. Gefahren wurde mit durchschnittlich 67,72 km/h, kurzfristig waren bis zu 138 km/h dabei.
Nein, das bedeutet nicht, dass dieses Auto 1.278 Kilometer mit einer Akkuladung schafft. Das wäre die falsche Geschichte.
Die richtige ist eigentlich viel spannender: Es braucht erstaunlich wenig Energie, um sehr weit zu kommen.
Der eigentliche Star ist die Luft
Der Schlüssel dazu ist nicht irgendeine Wunderbatterie. Es ist vor allem Aerodynamik.
Der cW-Wert liegt bei 0,158. Vereinfacht gesagt beschreibt dieser Wert, wie leicht ein Auto durch die Luft gleitet. Je schneller wir fahren, desto wichtiger wird genau das – und desto mehr Energie lässt sich durch eine saubere Form sparen.
Das erklärt auch, warum der Mission Efficiency aussieht, wie er aussieht: langes Tropfenheck, fast vollständig geschlossener Unterboden, aktive Kühlluftklappen, spezielle Luftleitelemente und komplett verkleidete Hinterräder.
Gefallen einem diese Radabdeckungen? Geschmackssache.
Aber die Physik verhandelt nicht.
Volkswagen zufolge liegt der Verbrauchsvorteil gegenüber dem technisch verwandten ID. Polo ab 80 km/h bei mehr als 30 Prozent. Bei 140 km/h soll der Mission Efficiency ungefähr so viel Energie benötigen wie der Polo bei 100 km/h.
Das ist der Punkt.
Und das ist keine unbrauchbare Rekordzigarre
Jetzt könnte man natürlich sagen: Nett, aber damit kann im Alltag niemand etwas anfangen.
Doch genau da wird die Sache interessant.
481 Liter Kofferraum, umklappbare Rücksitze, zusätzliche Staufächer, 2+2 Sitzplätze, normale Außenspiegel und ein Auto, das fast 4,80 Meter lang ist. Die hinteren Plätze sind laut Volkswagen zwar eher für Personen bis rund 1,60 Meter gedacht – aber wir reden hier trotzdem nicht über ein rollendes Versuchslabor ohne Praxisnutzen.
Auch innen wurde gefragt: Was braucht man wirklich? Ein riesiges fix eingebautes Display gibt es beispielsweise nicht. Smartphone oder Tablet übernehmen auf Wunsch Infotainment und Navigation.
Und im Glasdach sowie in der Heckklappe steckt sogar ein 370-Watt-PV-System. Es versorgt das Bordnetz und kann laut VW je nach Wetter, Jahreszeit und Region die reale Reichweite um bis zu 30 Kilometer pro Tag erhöhen.
CarManiac: „Dann muss das Ding auf den Markt“
Dass wir diese Geschichte so deutlich aufgreifen, hat auch mit Christopher Karatsonyi alias CarManiac zu tun. Er hat sich das Fahrzeug angesehen – und seine Begeisterung ist im Video nicht gerade zu übersehen.
Sein Appell an Volkswagen fällt entsprechend klar aus: „Dann muss das Ding auf den Markt geworfen werden.“
Später folgt ein noch kürzerer Satz: „Bitte traut euch.“
Dem schließen wir uns an.
Nicht, weil jedes Auto künftig so aussehen muss. Sondern weil dieses Fahrzeug eine Richtung zeigt, die bei der aktuellen PS- und Akku-Aufrüstung fast ein bisschen untergegangen ist.
CarManiac: „Lieber VW Vorstand IST DAS EUER ERNST? | VW Mission Efficiency“
Vielleicht haben dann plötzlich andere ein Problem
Seit Jahren hören wir, die deutsche Autoindustrie habe den Anschluss verloren. China sei technologisch davongezogen.
Und dann kommt so etwas aus Wolfsburg.
Nein, damit ist Volkswagen nicht plötzlich in jeder Disziplin allen chinesischen Herstellern überlegen. Aber bei Aerodynamik und Effizienz setzt dieses Fahrzeug derzeit eine verdammt beeindruckende Benchmark.
Und wenn eine angeblich angeschlagene deutsche Autoindustrie solche Autos entwickeln kann, könnte man die Frage durchaus einmal umdrehen:
Vielleicht haben am Ende gar nicht die Deutschen das größte Problem.
Vielleicht braucht die Zukunft des Elektroautos keine 1.000 PS. Vielleicht braucht sie keinen 120-kWh-Akku.
Vielleicht braucht sie einfach weniger Energie.
Volkswagen: Schaut euch das bloß an.
Und dann traut euch.


















