Solarautos: Wenn das Auto seinen Strom selbst mitbringt

Zwei gelbe Lkw mit Solarmodulen auf den Aufliegern fahren über eine lange Brücke über das Meer.
Im Logistiksektor bietet fahrzeugintegrierte Photovoltaik besonders großes Potenzial, weil Lkw und Anhänger viel Fläche für Solarmodule bieten. (Foto: © IM Efficiency)
Der Inhalt im Überblick:
  • Solarzellen auf Fahrzeugen könnten den Ladebedarf deutlich senken: In Mitteleuropa kann ein Pkw im besten Fall bis zu 55 Prozent seines Jahresenergiebedarfs selbst erzeugen


  • Besonders spannend ist die Technik für Lieferwagen und Lkw: Große Flächen auf Dach und Seitenwänden liefern Strom für Reichweite, Kühlung oder Hydraulik.


  • Das Stromnetz könnte entlastet werden: Würden alle Neufahrzeuge in Europa von 2024 bis 2030 mit integrierter Photovoltaik ausgestattet, könnte der Netzstrombedarf 2030 um 15,6 Terawattstunden sinken.


Das Elektroauto der Zukunft könnte nicht nur Strom verbrauchen – sondern ihn unterwegs selbst erzeugen. Was nach netter Spielerei klingt, bekommt durch ein europäisches Forschungsprojekt plötzlich deutlich mehr Gewicht: In Fahrzeuge integrierte Photovoltaik könnte Ladepausen reduzieren, Betriebskosten senken und sogar das Stromnetz entlasten. Vor allem dort, wo viel Fläche auf Rädern unterwegs ist, wird die Sache richtig interessant.

 

Vom Dach in die Batterie

 

Lightyear-Solarauto mit in Dach und Motorhaube integrierten Photovoltaikmodulen auf einer Straße.

Fahrzeugintegrierte Photovoltaik kann dazu beitragen, dass Elektroautos einen Teil ihres Strombedarfs direkt über Solarzellen auf Dach und Karosserie selbst erzeugen. (Foto: © Lightyear)

Die Idee ist einfach: Wenn Photovoltaik auf Hausdächern funktioniert, warum nicht auch auf Autodächern, Motorhauben oder Seitenflächen? Genau damit beschäftigt sich Vehicle Integrated Photovoltaics, kurz VIPV. Dabei werden Solarmodule direkt in Fahrzeuge integriert. Der Strom entsteht dort, wo er gebraucht wird – am Fahrzeug selbst.

 

Das europäische Pilotprojekt SolarMoves untersuchte im Auftrag der Europäischen Kommission, wie groß dieses Potenzial tatsächlich ist. Beteiligt waren unter anderem TNO, Fraunhofer ISE, Sono Motors, IM Efficiency und Lightyear. Die Forschenden analysierten Daten von 23 Fahrzeugtypen – vom kleinen Stadtauto bis zum schweren Lkw – und werteten Messdaten von 1,3 Millionen gefahrenen Kilometern aus.

 

Bis zu 55 Prozent Eigenstrom in Mitteleuropa

 

Die Ergebnisse sind erstaunlich: Ein Pkw kann in Mitteleuropa im besten Fall bis zu 55 Prozent seines jährlichen Energiebedarfs selbst erzeugen. In Südeuropa sind sogar bis zu 80 Prozent möglich. Das gilt besonders bei kurzen jährlichen Fahrzyklen und Fahrzeugen mit viel nutzbarer Fläche, etwa SUVs.

 

Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet das: Weniger Strom muss aus der Steckdose oder von der Ladesäule kommen. Das kann den Alltag komfortabler machen, weil externe Ladevorgänge seltener werden. Gleichzeitig sinkt der Strombezug pro gefahrenem Kilometer.

 

Natürlich ersetzt die Solarkarosserie nicht automatisch jede Ladestation. Aber sie kann einen Teil des Energiebedarfs übernehmen – besonders bei Fahrzeugen, die tagsüber im Freien stehen. Wer sein Auto ständig in einer Tiefgarage parkt, wird weniger profitieren als jemand, dessen Fahrzeug regelmäßig Sonne abbekommt.

 

Warum das Stromnetz mitprofitieren könnte

 

Spannend wird VIPV nicht nur für einzelne Fahrzeugbesitzer, sondern auch für das Energiesystem. Laut Simulation des Forschungsteams könnte der Strombedarf aus dem europäischen Netz im Jahr 2030 um 15,6 Terawattstunden sinken, wenn alle Neufahrzeuge zwischen 2024 und 2030 mit VIPV ausgestattet würden. Das entspricht laut Fraunhofer ISE der Jahresproduktion von rund 2.200 Onshore-Windkraftanlagen mit je 3 Megawatt Leistung.

 

Der Punkt ist wichtig: Elektromobilität braucht Strom. Je mehr Fahrzeuge elektrisch fahren, desto intelligenter muss die Energieversorgung werden. Solarstrom direkt am Fahrzeug kann helfen, den zusätzlichen Bedarf abzufedern – nicht als alleinige Lösung, aber als Baustein in einem größeren System.

 

Der große Hebel fährt im Lieferverkehr

 

Weißer Lieferwagen mit großen Solarmodulen an der Seitenfläche und dem Schriftzug We make trucks love the sun.

Lieferwagen mit integrierten Solarmodulen können Solarstrom direkt am Fahrzeug erzeugen und damit elektrische Verbraucher im Betrieb unterstützen. (Foto: © IM Efficiency)

Besonders groß ist das Potenzial im Logistiksektor. Lieferwagen, Lkw und Anhänger haben viel Fläche und gleichzeitig hohen Energiebedarf – nicht nur fürs Fahren, sondern auch für Kühlung, Heizung, Hydraulik oder andere Hilfsaggregate.

 

Bei Elektro-Lkw kann VIPV die tägliche Reichweite laut Studie um bis zu 15 Prozent erhöhen. Bei Lkw-Anhängern kann der Solarertrag im Sommer bis zu 55 Kilowattstunden pro Tag erreichen. Werden auch Seitenwände mit Solarmodulen ausgestattet, sind sogar 90 bis 110 Kilowattstunden möglich. Das reicht laut den Forschenden, um Kühl- oder Hydrauliksysteme vollständig und emissionsfrei zu betreiben.

 

Sogar Diesel-Lkw könnten profitieren: Wenn Nebenverbraucher weniger Diesel benötigen, sinken Verbrauch und Betriebskosten. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass sich die Investition in VIPV bei solchen Anwendungen in weniger als zwei Jahren amortisieren könnte.

 

Noch fehlt der politische Rahmen

 

Damit Solarfahrzeuge breiter eingesetzt werden, braucht es aber klare Regeln. Das Forschungskonsortium empfiehlt, VIPV in das weltweit harmonisierte Testverfahren WLTP aufzunehmen. Dadurch könnten CO₂-Reduktionen und Stromeinsparungen offiziell berücksichtigt werden. Außerdem schlagen die Forschenden steuerliche Anreize, Richtlinien für solarfähige Parkflächen und einen europäischen Rahmen in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie vor.

 

Das klingt trocken, ist aber entscheidend: Erst wenn Politik, Normung und Fahrzeugindustrie die Technik sauber einordnen, kann aus einem spannenden Forschungsfeld ein markttauglicher Beitrag zur Mobilitätswende werden.

SmartGyver-Tipp: Was Sie jetzt beachten sollten

1. Nicht jedes Solarauto ist automatisch ein Selbstversorger. Die Technik kann den Ladebedarf senken, ersetzt aber nicht grundsätzlich die Ladeinfrastruktur. 2. Der Standort zählt. Wer häufig im Freien parkt, kann mehr profitieren als jemand mit Garagenplatz ohne Sonneneinstrahlung. 3. Besonders spannend ist VIPV für Gewerbe und Logistik. Bei Lieferwagen, Lkw und Anhängern sind die Flächen größer und die wirtschaftlichen Effekte oft deutlicher. 4. Auf echte Messwerte achten. Entscheidend sind nicht Werbeversprechen, sondern realistische Angaben zu Jahresertrag, Fahrprofil und Nutzung. 5. Die Technik im Auge behalten. VIPV steht noch nicht vor dem Massenmarkt-Durchbruch, könnte aber ein wichtiger Baustein für leichtere Netze und günstigeren Betrieb werden.