Ab 2027 werden die Stromkosten der Nutzung des österreichischen Stromnetzes neu berechnet .Entscheidend ist dann nicht mehr nur, wie viel Strom verbraucht wird, sondern auch wann. Für Haushalte bedeutet das: Der Strom selbst bleibt derselbe – aber seine Nutzung bekommt ein Zeitfenster.
von David Lodahl – Recherche, Konzept und Kuration
Strom war lange berechenbar. Eine Kilowattstunde kostete einen fixen Betrag, unabhängig davon, ob sie morgens, mittags oder abends verbraucht wurde. Diese Logik beginnt sich zu ändern. Nicht, weil Strom knapp wird, sondern weil sein Weg vom Kraftwerk oder vom Solardach bis zur Steckdose immer aufwendiger wird. Leitungen, Umspannwerke und Steuerungssysteme müssen ausgebaut werden – und das kostet Geld. Die Frage ist nur, wie diese Kosten künftig verteilt werden.
Warum das Stromnetz teurer wird, obwohl wir nicht mehr Strom verbrauchen
In den vergangenen Jahren wurde in Österreich massiv in das Stromnetz investiert. Leitungen wurden verstärkt, neue Anlagen gebaut und bestehende Systeme digitalisiert. Der Grund dafür liegt im Wandel der Energieversorgung. Strom kommt nicht mehr nur aus großen Kraftwerken, sondern zunehmend aus vielen kleinen Anlagen, etwa von Solardächern.
Gleichzeitig wird Strom heute an mehr Orten gebraucht. Elektroautos werden zu Hause geladen, Wärmepumpen ersetzen Gasheizungen. Das alles passiert oft gleichzeitig und vor allem in Wohngebieten. Das Netz muss diese Spitzen aushalten, auch wenn sie nur wenige Stunden dauern. Der Ausbau dafür ist teuer – selbst dann, wenn insgesamt nicht mehr Strom verbraucht wird als früher.
Warum weniger Strom nicht automatisch billigere Netzkosten bedeutet
Viele Haushalte sparen Strom oder erzeugen einen Teil selbst mit Photovoltaik. Dadurch sinkt die Strommenge, die durch das öffentliche Netz fließt. Die Kosten für das Netz bleiben jedoch großteils gleich. Leitungen, Trafos und Wartung müssen unabhängig davon bezahlt werden, wie viel Strom gerade fließt.
Das führt zu einem einfachen, aber unbequemen Effekt: Wenn weniger Strom verteilt wird, müssen die Kosten auf weniger Kilowattstunden aufgeteilt werden. Dadurch steigen die Kosten pro Einheit. Genau dieser Mechanismus setzt das bisherige System unter Druck.
Was zeitvariable Netzentgelte überhaupt sind
Netzentgelte sind jener Teil der Stromrechnung, der für den Transport des Stroms bezahlt wird. Künftig sollen diese Kosten davon abhängen, zu welcher Tageszeit Strom genutzt wird. Zeitvariable Netzentgelte bedeuten also, dass Strom zu bestimmten Zeiten günstiger durchs Netz transportiert wird als zu anderen.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn viele Menschen gleichzeitig Strom nutzen, ist das Netz stark belastet. Wenn wenig los ist, hat das Netz Reserven. Diese Unterschiede sollen sich künftig im Preis widerspiegeln.
Warum der Sommer zur Mittagszeit günstiger wird
Ein konkretes Beispiel ist der geplante günstigere Netzpreis im Sommer zur Mittagszeit. Zwischen April und September, jeweils von 10 bis 16 Uhr, soll die Nutzung des Netzes weniger kosten. Der Grund dafür ist der hohe Solarstrom-Ertrag zu dieser Zeit.
Mittags produzieren Photovoltaikanlagen besonders viel Strom. Gleichzeitig ist das Netz oft weniger ausgelastet, weil viele Menschen außer Haus sind. Der günstigere Netzpreis soll dazu beitragen, dass dieser Strom sinnvoll genutzt wird, statt ungenutzt zu bleiben.
Was sich für Haushalte konkret ändert
Für Konsument:innen ändert sich nicht alles auf einmal. Niemand muss sein Leben umstellen oder ständig auf die Uhr schauen. Das neue System setzt auf reale Messungen, also auf tatsächlich verbrauchten Strom zu bestimmten Zeiten.
Wer Geräte wie Geschirrspüler, Waschmaschine oder ein Elektroauto flexibel nutzen kann, profitiert eher. Wer wenig Spielraum hat, bleibt zumindest auf dem bisherigen Niveau. Wichtig ist: Es geht nicht um Bestrafung, sondern um eine bessere Verteilung der Kosten.
Warum das neue Modell transparenter, aber auch komplexer ist
Das bisherige System war einfach, aber wenig differenziert. Alle zahlten im Wesentlichen gleich viel für das Netz, unabhängig davon, wie stark sie es belasteten. Das neue Modell versucht, genauer hinzusehen.
Dadurch wird das System fairer, aber auch erklärungsbedürftiger. Netzkosten hängen künftig stärker mit dem eigenen Nutzungsverhalten zusammen. Für viele Haushalte ist das neu – und braucht Zeit, um verstanden zu werden.
Schlussgedanke
Zeitvariable Netzentgelte verändern nicht den Strom selbst, sondern die Art, wie wir ihn nutzen. Sie machen sichtbar, dass Strom kein gleichförmiges Produkt ist, sondern Teil eines Systems mit begrenzten Kapazitäten. Für Haushalte bedeutet das vor allem eines: Der Strom bleibt da – aber der Moment seiner Nutzung gewinnt an Bedeutung.
Quellenliste:
– www.i-magazin.com / ElWG_Zeitvariable Netzentgelte
– Angaben der Regulierungsbehörde zu Netzkosten, Investitionen und Tariflogik
